Kennst du dieses Gefühl, unzulänglich zu sein, nur weil du eine klare Schwäche nicht wegbekommst? Ich hatte das viele Jahre lang in Bezug auf einige meiner Schwächen. Beispielsweise hatte ich lange Zeit ein Problem mit meiner Ernsthaftigkeit. Ich wirkte durch meine strenge, oft ausdrucklose Miene auf andere einschüchternd. Erst später erkannte ich, dass diese “Macke” mir auch zum Vorteil gereichte. Denn ich strahlte dadurch eine natürliche Autorität aus. Das half mir nicht nur als Leiterin einer Kinder-Pfadfindergruppe, sondern auch später in meinem Berufsleben. Ich hatte nur selten damit zu kämpfen, mir Respekt verschaffen zu müssen, da man mir offenbar von vornherein, aufgrund meiner ernsten Mimik eine gewisse natürliche Autorität zuschrieb.

Von der grauen Maus zur Trainerin

Für eine introvertierte Frau, die das Rampenlicht oder das Gesehenwerden scheut, ein großes Plus. Ich bin mir sicher, dass diese “Macke” mit dazu beigetragen hat, dass ich einige meiner spannenden Jobangebote bekommen habe. Klar strahlte ich auch eine gewisse Begeisterung aus und überzeugte durch meine Worte, doch diese Ernsthaftigkeit unterstrich wohl stets meine Entschlossenheit und meine Absicht.

In meinem Leben gab es viele Situationen, wie z.B. Bewerbungsgespräche, in denen ich als unstet, wankelmütig oder gar als jemand ohne eigene Persönlichkeit gesehen wurde. Mein Lebenslauf war nicht geradlinig und ich wechselte im Schnitt alle drei Jahre den Job und zu Beginn meiner Laufbau auch das Unternehmen. Wenn ich im Customer Service mit Kunden oder Lieferanten telefonierte, verfiel ich meist ganz automatisch in deren Dialekt oder Sprachmuster. Wenn ich viel Zeit mit Menschen verbrachte, übernahm ich deren Gestik und Körperhaltungen oder Bewegungsmuster.

All das ließ andere annehmen, ich hätte keine eigene Persönlichkeit oder sei wankelmütig. Tatsächlich bin ich einfach nur sehr präsent im Kontakt mit anderen, nehme den anderen stark in seiner Art wahr und passe mich an, um eine Beziehung und somit eine Vertrauensbasis schaffen zu können. Die ideale Voraussetzung für den Coach- und Beraterberuf. Andere Menschen besuchen teure NLP Ausbildungen, um diese Fähigkeiten zu erlernen. Heute weiß ich das, weil ich mich intensiv mit Themen der Persönlichkeitsentwicklung und Coachingtechniken beschäftigt habe. Lange Zeit zweifelte ich jedoch an mir, weil mir das immer wieder so gesagt wurde.

Heute erlebe ich es auch als Kompliment, wenn mir Teilnehmer meiner Trainings quasi kein Feedback zu mir als Trainerin oder meiner Aufbereitung des Trainings geben, sondern stattdessen davon reden, was sie erlebt haben und für sich mitnehmen konnten. Denn das ist doch in Wahrheit das Beste, was mir als Trainerin passieren kann. Dass ich trotz meiner präsenten Rolle soweit in den Hintergrund rücke, dass echte Transformation und lebendiger Austausch bei den Teilnehmern möglich wird. Ich bin diejenige, die den Rahmen schafft. Es geht aber nicht um mich, sondern immer um die Teilnehmer und ihr Erleben. Lange Zeit sah ich das nicht so, weil ich mich als Trainerin nicht gesehen fühlte und glaubte, nicht gut genug zu sein. Die Teilnehmer redeten vom Training, aber niemand erwähnte mich als Trainerin. Heute bin ich stolz darauf, diesen Rahmen schaffen zu können, denn davon profitieren die Teilnehmer am meisten.

Meine vielen Jobwechsel deuteten keineswegs auf Wankelmütigkeit hin, sondern zeigten lediglich, dass ich dazu in der Lage war, mir tolle neue Jobangebote zu suchen, diese als Chance zur Weiterentwicklung zu erkennen und zu nutzen. Ich war mutig und daran interessiert zu wachsen. Glücklicherweise sahen das so gut wie alle zuerst skeptischen Gesprächspartner nach meinen Erklärungen zu meinem Lebenslauf ein, dass ich mit diesen Eigenschaft ein Gewinn für ihr Team wäre. Doch dadurch, dass dies immer wieder hinterfragt und skeptisch betrachtet wurde, ließ auch jahrelang Zweifel in mir hochkommen, ob ich nicht doch wankelmütig sei und nicht wisse, was ich will.

Prominente Beispiele

Eine meiner liebsten Lehrerinnen, Vera F. Birkenbihl, erzählte gerne, dass sie es als Jugendliche als Schwäche betrachtete, dass sie so viel redete. Bis sie dann auf einen ihrer Mentoren traf, der diese Annahme erstmalig hinterfragte. Es stellte sich heraus, dass dieses Verhalten bei ihr in ihrer Kindheit stets kritisiert wurde. Und zwar von Menschen, die selbst gerne viel redeten. Sie wurde also als Konkurrentin angesehen und man wollte sie, sie war ja noch ein Kind, auf diese Weise mit der Kritik zum Schweigen bringen.

Birkenbihl war eine der besten Rednerinnen und Trainerinnen, die ich je erlebt habe. Ich wünschte, ich hätte sie noch persönlich kennenlernen können und bin unendlich dankbar für das großartige Werk, das sie hinterlassen hat. Du siehst also, oft sind es die Schwächen, die andere in uns sehen, die unsere größten Stärken sind.

Birkenbihl hat auch noch eine andere große Schwäche, nämlich eine Lernschwäche, zu ihrer Stärke gemacht und damit vielen anderen ebenfalls Betroffenen Werkzeuge in die Hand gegeben, effektiv und typgerecht zu lernen. Sollte dies ein Thema für dich oder deine Kinder sein, schau dir unbedingt ihre unzähligen Werke dazu an. Auch auf YouTube findest du ganz viele Aufzeichnungen zu ihren legendären Vorträgen.

Eine andere Frau, deren Arbeit ist bewundere, hat ebenfalls eine scheinbare Schwäche zu einer Stärke gemacht. Nämlich Cordula Nussbaum, eine Expertin für kreatives Zeitmanagement.

Sie bezeichnet sich selbst als kreative Chaotin und entsprechend hat sie es stets als entmutigend und frustrierend erlebt, wenn sie versucht hat mit typischen, strukturierten Methoden und Tools des klassischen Zeitmanagements zu arbeiten. Diese Werkzeuge funktionieren einfach nicht für sie.

So kam es, dass sie nicht nur für sich selbst andere, kreativere Wege fand, um sich selbst zu managen. Sie gibt seit Jahren ihr Wissen in Form von Büchern, Vorträgen und Onlinekursen weiter.

Eine scheinbare Schwäche ist also in Wahrheit immer eine Frage der Betrachtung. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich sie mir anschaue, werde ich zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Ich habe daher, dank dieser Erkenntnis, begonnen, mir in Bezug auf meine Schwächen stets folgende Frage zu stellen: In welchen Situationen, unter welchen Bedingungen würde diese Eigenschaft/Macke als Stärke gelten? Und ich fand hierauf immer eine Antwort.

Probier diese Übung gerne mal für dich aus. Schreib dir deine drei größten Schwächen auf und finde für jede dieser Schwächen einen oder mehrere Anwendungsfälle, in der diese als Stärke gelten würde. Wenn du dir mit dieser Übung schwer tust, weil du es schon so gewohnt bist, deine Schwäche als solche zu betrachten, mach diese Übung gemeinsam mit Freunden oder Kollegen. Die Ergebnisse können revolutionär sein und dein Weltbild verändern!

Schau auf dich, die Welt braucht dich

Alles Liebe
Deine Susi, das Stehaufweibchen