Perfektionist zu sein bedeutet, kein Gespür dafür zu haben, wann die Dinge gut genug sind. (Trajam Tosev)
Diese Erkenntnis von Trajam Tosev, auf die ich kürzlichh auf Instagram gestoßen bin, hat mich zu diesem Artikel inspiriert.
 
Vielen typischen Ausbrenner-Persönlichkeiten unterstellt man Perfektionismus, und das zurecht! Viele Ausbrennertypen haben einen hohen Anspruch an sich selbst und ihre Leistungen. Und verfallen dabei nicht selten dem Perfektionismus.
 

Was genau bedeutet Perfektionismus überhaupt?

Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglicher Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Eine einheitliche Definition existiert nicht. (Wikipedia)
Wenn es also darum geht, Perfektion zu erlangen, muss man sich als erstes Mal die Frage stellen, was ist Perfektion? Wer legt fest, wann etwas perfekt ist?
Vollkommenheit bezeichnet einen Zustand, der sich nicht noch weiter verbessern lässt. Vollkommen nimmt dabei eine Mehrfachbedeutung an: einerseits im Sinne von Makellosigkeit (lateinisch integritas), also ein von Beschädigungen freier Zustand, andererseits im Sinne von zum Vollen kommen bzw. Vollendung (lateinisch perfectio), also als finales Ergebnis einer abschließbaren Serie von Verbesserungen als absolute innere Zweckmäßigkeit. Gemein ist diesen beiden Bedeutungen der Kontext von Unübertrefflichkeit – der makellose bzw. vollendete Zustand ist jeweils ein Maximum des jeweils Erreichbaren – hierin erinnert er an das Begriffsfeld Ideal. (Wikipedia)
Dieser Definition nach gilt ein Werk dann als perfekt, wenn es absolut fehlerfrei ist und nicht übertroffen werden kann. Alles, was möglich war, wurde erreicht.

Macht das Streben nach Perfektion in allen Belangen Sinn?

Meiner Erfahrung nach hängt das von verschiedenen Faktoren ab. Am meisten davon

  • welche Erwartungen die Nutzer des Werkes an dieses haben,
  • welche Standards/ Richtlinien zur Bewertung es zum Vergleich gibt und
  • wie viele Ressourcen dem Schöpfer des Werkes zur Verfügung stehen.
Wenn die eingesetzten Ressourcen in einem guten Verhältnis zur erwarteten Resonanz der Nutzer steht, würde ich für ein hohes Maß an Perfektion plädieren. Allerdings ist das meiner Erfahrung nach in den seltendsten Fällen angebracht.
Meistens haben wir eher viel zu wenig Zeit und andere benötigte Ressourcen, um ein perfektes Werk auf die Beine zu stellen. Und dennoch fühlen sich Perfektionisten dazu getrieben, es zumindest zu versuchen. Ein klassisches Beispiel ist hier für mich die Vorbereitung einer Management Präsentation für das Top Management eines Unternehmens. Diese Präsentationen sollen kurz und prägnant sein, denn gewöhnlich hat das Top Management nur wenige Minuten Zeit, um sich einem Thema zu widmen. Und muss dann dazu in der Lage sein, Entscheidungen ableiten zu können. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe für jemanden, der die dafür benötigte Präsentation zu erstellen hat.
Man beginnt damit, die erforderlichen Informationen zusammen zu tragen. Hier beginnt auch schon das erste Problem mit dem Perfektionismus. Denn am liebsten möchte der Perfektionist alle verfügbaren Informationen bis ins kleinste Detail kennen, um dieses Wissen für die Präsentation ausschöpfen zu können. Wenn er sich hier verzettelt und darauf beharrt, wirklich alle Infos zusammen zu bekommen, kommt er selbst leicht unter Zeitdruck, weil dann weniger Zeit bleibt für die Erstellung der Präsentation selbst. Und alle, die schon mal mit einer solchen Aufgabe betraut waren, wissen, dass die zur Verfügung gestellten zeitlichen Ressourcen hierfür in aller Regel sehr begrenzt sind 😉
Gehetzt und erschlagen von einer Vielzahl an Informationen bereitet der Perfektionist die Präsentationsinhalte auf. Viele Details, die erstmal danach bewertet werden müssen, welche Relevanz sie für das Top Management und die erwartete Entscheidung haben. Der Perfektionist verliert sich leicht in Inhalten und Details. Und lässt erneut viel Zeit auf der Strecke liegen.
Bevor er sich an die Erstellung selbst macht, überlegt sich der Perfektionist, wie die Informationen für die Zielperson/-gruppe aufbereitet sein müssen, damit diese sie versteht und davon die erwarteten Entscheidungen ableiten kann. Es geht also um das WIE nachdem das WAS, der Inhalt, geklärt ist. Und hier stehen dem Perfektionisten eine Vielzahl an Tools und Möglichkeiten zur Auswahl. Ein Perfektionist würde hier nicht den einfachsten und schnellsten Weg wählen, sondern in aller Regel den elegantesten, modernsten und exklusivsten. Es soll das Top Management ja regelrecht umhauen, begeistern und keine 0815-Präsentation sein, wie sie sie zigfach täglich serviert bekommen.
Am Ende bleibt nicht mehr viel Zeit für die Erstellung selbst. Der Perfektionist legt freizügig eine Nachtschicht ein, um den Abgabetermin noch halten zu können. Völlig erschöpft und am Ende doch nicht 100% zufrieden mit seiner Leistung, hält er die Präsentation vor dem Top-Management. Die Vertreter des Managements widmen ihre Aufmerksamkeit nur halbherzig dem präsentierten Thema und achten kaum auf die dargestellten Präsentationsbestandteile. Viele andere wichtig(ere) Themen beschäftigen sie. Und sie sind müde von den vielen Präsentationen, die ihnen tagtäglich vorgelegt werden.
Ohne der gebührenden Anerkennung für die an Perfektion grenzende Präsentation verlässt der Perfektionist enttäuscht und völlig erschöpft von den langen Arbeitstagen und durchgearbeiteten Nächten den Präsentationsraum. Eine ganz typische Situation, wie sie wohl die meisten Perfektionisten schon mehrmals erlebt haben.
Ich habe noch ein Beispiel für dich, welches mich in den vergangenen Monaten beschäftigt hat. Der Aufbau der Stehaufweibchen Community geht damit einher, dass ich viele neue Dinge lernen und anwenden muss. Das ganze Thema Online-Marketing und die technischen Möglichkeiten, um digitale Produkte anbieten zu können, waren zu Beginn dieses Projektes komplett neu für mich. Entsprechend schwer fielen mir der Einstieg und die ersten Schritte.
Der absolute Horrortrip für mich war die Erstellung meiner Webseite. Ich hatte Jahre zuvor bereits einen Blog zu einem anderen Thema erstellt gehabt. Das fiel mir damals leicht und von daher bin ich davon ausgegangen, dass ich auch diesmal keine großen Herausforderungen damit haben würde, meine eigene Webseite zu erstellen. Ich bin technisch affin genug und lerne schnell. Pffff, Pustekuchen! Ich verbrachte Monate der Hölle, bei dem kläglichen Versuch meine Webseite aufzubauen.
Sie sollte richtig gut werden, die Menschen begeistern, die sich für die Themen der Community interessieren. Alle Stückerl sollte sie spielen und es der Leserin besonders leicht und angenehm machen. Inhalt und Layout sind perfekt aufeinander abgestimmt. Ein eigenes Corporate Design rundet das Gesamtbild ab und zieht sich wie ein roter Faden durch meinen gesamten Onlineauftritt. Ja, so hat sich die naive Susi den Aufbau ihrer Onlinepräsenz damals vorgestellt.
Nach Monaten der Qualen und des Scheiterns, musste ich rekapitulieren und meine Ziele und Umsetzungsstrategien neu ausrichten. Vor allem musste ich meine Ziele herunterschrauben, meine Ansprüche an das erste Ergebnis für den Onlinelaunch deutlich reduzieren. Dies ist eine der uns Menschen zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien, wenn wir in einer Krisensituation stecken, die unseren Selbstwert unmittelbar bedroht. Und glaub mir, das hat sie! Ich habe mich wie eine absolute Vollversagerin gefühlt. Wie konnte ich mich nur so falsch einschätzen und die Aufgabe so dermaßen unterschätzen? Meine Motivation sank in den Keller und ich musste dringend handeln.
Das tat ich auch. Da ich diese Bewältigungsstrategie bereits zigfach in vorangegangenen Krisensituationen oder sich anbahnenden Krisen angewendet hatte, fiel es mir auch leicht, meine Ziele und meine Vorgehensweise anzupassen. Um es kurz zu machen: ich habe einerseits mein Zeitziel um Monate verschoben, mir professionelle Unterstützung organisiert (meinen Webentwickler Frank 😉 und meine Ansprüche an das Endergebnis darauf reduziert, was für einen erfolgreichen Start zwingend erforderlich war.
Unmittelbar ging es mir besser, es löste sich der Druck und ich konnte wieder mit Freude an die Arbeit gehen. Und soll ich dir was sagen? Alle waren begeistert von der ersten Version meiner Webseite. Ja, sie wird sich mit mir gemeinsam weiterentwickeln und immer besser werden. Hätte ich jedoch an meinem hohen Anspruch festgehalten und versucht mit einer “perfekten” Webseite an den Start zu gehen, wäre ich wohl nie an den Start gegangen. Denn der dauernde Frust hätte mich aufgefressen, ich hätte mich nicht mehr motivieren können. Ich hätte nur noch an mir und meinen Fähgkeiten und wohl irgendwann sogar an meinem Projekt gezweifelt. Davon hätte niemand was gehabt.

So nun muss ich die Frage stellen: wem dient dieses Streben nach Perfektion?

 
Hier sehe ich zum einen denjenigen, der nach Perfektion bei seinen Werken strebt und zum anderen die Nutznießer seines Werkes. Der Perfektionst selbst erhofft sich wohl in erster Linie Bestätigung für seine Fähigkeiten und Talente, für sein Durchhaltevermögen und seine Strebsamkeit, sowie Anerkennung für seine bemerkenswerte Leistung. Die Nutznießer, sofern sie Perfektion zu schätzen wissen und als solche erkennen, würden sich wohl über den gesteigerten Wert des Werkes definieren und sich selbst durch das Erlangen dieses selbst zu etwas Besonderem machen.
 
In beiden Fällen lässt sich schlussfolgern: ein Mangel an Selbstwertgefühl wird über Anerkennung und Bestätigung im Außen zu kompensieren versucht.
 
Ist das erstrebenswert? Wäre es nicht viel schöner, wenn man seine Fähigkeiten und Talente mit Freude und Leichtigkeit einsetzen könnte, anstatt sich nach Perfektion strebend immerzu zu erschöpfen und am Ende noch nicht einmal gebührend dafür gefeiert oder entlohnt zu werden? Meine Antwort ist ganz klar NEIN.
 
Es gibt andere Wege. Ich habe dank meinem Burnout-Zusammenbruch vor gut 10 Jahren über den harten Weg gelernt, dass sich Perfektionismus nicht auszahlt. Um es mit dem Pareto-Prinzip zu sagen: etwa 80% aller unserer Projekte brauchen nur 20% unserer Aufmerksamkeit und Energie. Und den restlichen 20% unserer Projekte sollten wir 80% unserer Ressourcen widmen. Wichtig ist, dass wir erkennen können, welche 20% unserer Projekte unsere wichtigsten sind.
 
Du musst nicht diesen harten Weg gehen. In meinem begleiteten Onlinekurs, dem Stehaufweibchen-Programm “Raus aus der Abwärtsspirale”, das Anfang Juni 2019 erstmalig starten wird, stelle ich mein 3-Schritte-System zum Meistern von Krisen und Burnout zur Verfügung und zeige Betroffenen, wie sie
 
  • Loslassen können von ihrem Perfektionismus und
  • ihren Weg finden hin zu einem gelasseneren und selbstbestimmten Leben.
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Schau auf dich, die Welt braucht dich!
 
Alles Liebe
Deine Susi, das Stehaufweibchen