Boreout- stille Erschöpfung und unterschätztes Leiden

Mein Appell an alle Unterforderten

Auf eine von mir durchgeführte Umfrage auf Facebook haben 85% mit JA geantwortet. Was hatte ich gefragt? Wer in seiner Arbeit schon mal unterfordert war.
 
Dieses Ergebnis überraschte mich keineswegs, denn auch Statistiken bestätigen, dass eine hohe Zahl der Angestellten (bei Selbstständigen sieht es deutlich besser aus) keine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber hat und eine erschreckend hohe Zahl bereits innerlich gekündigt hat.
 
Nachdem Boreout im Vergleich zu Burnout keine statistisch erfassbare Diagnose ist, ist es schwieriger, klare Indizien in den verfügbaren Statistiken zu eruieren. Doch es gibt Studien, die im Zuge der Mitarbeiterbefragungen auch darauf eingegangen sind, ob Mitarbeiter sich unterfordert fühlen. 
 
Und diese Zahlen möchte ich gerne mit euch teilen:
 
11% geben an, unterfordert zu sein.
  • Davon leiden über 50% an anspruchslosen Aufgaben,
  • 48% tragen zu wenig Verantwortung und
  • 37% klagen über zu wenig Abwechslung.
 
Es gibt verschiedene Gründe für das Gefühl der Unterforderung:
  • Die persönlichen geistigen Fähigkeiten und Kompetenzen übersteigen die gestellten Aufgaben
  • Zu viel an Routineaufgaben, zu wenig Abwechslung, keinerlei Herausforderungen, die das Hirn beanspruchen
  • Man hat zwar die erforderlichen Fähigkeiten und den passenden Job dazu, wird jedoch so stark an der kurzen Leine gehalten, dass die Bewältigung der Aufgaben super mühsam und zur Qual wird
  • Ähnlich gelagert ist das Problem, wenn man durch strukturelle (Prozess)Hürden oder persönliche Konflikte in seiner Arbeit laufend ausgebremst wird
  • Aufgrund einer Umstrukturierung im Unternehmen hat man plötzlich gar keinen eigenen Aufgabenbereich mehr und somit nichts oder nur noch sehr wenig zu tun
Ich kenne genug Beispiele für alle hier genannten Arten des Boreout. Oft ist es eine Kombi aus mehreren Ursachen. Persönlich war ich im Laufe meiner Berufslaufbahn betroffen von Umstrukturierungen und inhaltlicher Unterforderung. Letztere entstand erst, nachdem ich in meinem Job eine derartige Routine erreicht hatte, dass die alltäglichen Herausforderungen für mich keine Herausforderungen mehr darstellten. Der Kick im Job war weg, ich langweilte mich und wurde rasch unglücklich. In meinem Fall äußerte sich dies auch in psychosomatischen Beschwerden. Mein Körper reagiert bei derartigen Disbalancen immer recht rasch und deutlich bemerkbar 😉 
 
In meinem persönlichen Umfeld sind vor allem fachliche Unterforderung durch immer gleiche Arbeitsschritte und Aufgaben sowie schlecht organisierte Umstrukturierungen Grund für ein Boreout. Leider nehmen viele dieses Problem nicht ernst genug. 
 
“Das wird sich wieder besser werden.”
“Ich warte mal ab, was sich das Management einfallen lässt.”
“Ich verliere womöglich meinen Job, wenn ich zugebe, dass ich nichts zu tun haben.”
 
Solche Sätze krieg ich dann gerne zu hören. Die meisten warten erstmal ab und leiden still in sich hinein. Nachdem ich einigen Betroffenen sehr nahe stehe, krieg ich oft mit, wie sehr sie diese Situation psychisch belastet. Einige versuchen das durch eine Verstärkung der privaten Aktivitäten zu kompensieren, andere werden regelrecht depressiv. 
 
So oder so, nicht schön mitzuerleben. Und in vielen Fällen auch nicht notwendig. Das Schlimmste an einem Boreout-Zustand ist wohl, dass sich Betroffene oft ausgeliefert fühlen. Die Ursache liegt ja nicht an ihnen selbst, sondern an den Rahmenbedingungen. Doch das heißt noch lange nicht, dass man dieser Situation hilflos ausgeliefert ist.

Wie bei allen Krisen im Leben empfehle ich auch hier, sich damit auseinanderzusetzen, welche Optionen man hat. Denn egal in welcher Situation man sich befindet: eine Wahl hat man immer. 
 
Klar, oft sind die Optionen nicht prickelnd, lachen einen nicht an oder machen einem sogar Angst. Doch wir haben immer die Wahl  – auch wenn sie uns nicht gefällt. 
 
So ist das auch in einem Boreout. Hier gibt es aus meiner Sicht ein paar Schritte, die man ausloten sollte als Optionen:
  • Überlegungen anstellen: wie kann ich selbst meine aktuelle Situation verbessern? Wenn auch nur vorübergehend, bis eine nachhaltige langfristige Lösung gefunden wurde
  • das Gespräch mit der Führungskraft suchen, um gemeinsam eine gute Lösung für die Situation zu finden
  • Überlegungen zu möglichen Job- oder gar Arbeitgeberwechsel anstellen. Eventuell macht sogar eine Tätigkeit auf selbstständiger Basis Sinn
  • auch der Austausch mit Kollegen könnte unerwartete neue Optionen ans Tageslicht bringen, die einem weiterhelfen können
 
Ich habe dies so gemacht und bin sehr gut damit gefahren. Transparenz und Offenheit zahlt sich meiner Erfahrung nach fast immer aus. An dieser Stelle möchte ich dir gerne erzählen, wie ich konkret vorgegangen bin und wie die Boreout-Geschichten für mich ausgegangen sind.
 
In meinem allerersten Job als Sachbearbeiterin im Kundenservice eines Medizintechnik-Herstellers hatte ich schnell alle alltäglichen Aufgaben drauf und auch schon einige Optimierungen in unseren Serviceprozessen gemeinsam mit dem Team durchführen können. Dann wurde es langweilig und ich suchte nach neuen Herausforderungen. Zuerst versuchte ich, mich firmenintern für andere Jobs (damals im Marketing) zu bewerben. Ich habe in der Wunschabteilung schnuppern dürfen und erkannte schnell, dass das auch keine Erfüllung bringen würde.
 
Dann wurde bekannt gegeben, dass das Unternehmen auf SAP umgestellt werden soll und für alle Fachbereiche so genannte Keyuser benötigt werden. Darin sah ich meine Chance. Meine ersten Erfahrungen in Projekten in einer tragenden Rolle. Dieses Projekt bot mir die notwendige Abwechslung neben meinem Routine-Daily-Business. Zudem konnte ich mich zum ersten Mal als Trainerin erproben und stellte dabei fest, dass es mir liegt und super viel Spaß macht.
 
DIE LÖSUNG: in diesem Fall war die Lösung das aktive Suchen nach neuen beruflichen Herausforderungen in der Firma, in der ich tätig war. Dafür war kein Gespräch mit meiner direkten Vorgesetzten notwendig. Ich habe einfach die öffentlich zugänglichen Informationen genutzt und die mir angebotenen Gelegenheiten beim Schopfe gepackt.  
 
In meinem zweiten Job war ich als Supervisor Customer Service bei einem Logistik/Post-Unternehmen für unsere Top 5 Kunden zuständig. Der Aufbau und die Umstrukturierung im Customer Service und dem Vertriebsinnendienst hatten mich zu Beginn ausreichend gefordert. Doch irgendwann war das Team dann eingespielt und ich hatte erneut einen sehr routinierten Arbeitsalltag – obwohl es laufend Probleme gegeben hatte bei unseren Top-Kunden, doch ich wusste bereits aus dem FF, wie solche Probleme zu lösen waren. Von daher waren diese für mich keine Herausforderung, es war langweilig.
 
Ich ging also einen Schritt weiter und sprach mit dem Geschäftsführer über die Implementierung einer halbautomatisierten und wesentlich übersichtlicheren Dokumentation unserer gesamten Prozesse und Kundenbetreuungsaufträgen. Heutzutage kaum noch vorstellbar, doch wir arbeiteten mit Word und Anlageordner im Explorer. Wir hatten kein CRM-System, in welchem wir unsere Serviceaktivitäten (die aus vielen verschiedenen Teilschritten bestanden) dokumentierten. Sprich: die Dokumentation war aufwendig und wenn dann mal ein Problem auftrat, suchten wir uns dämlich, um alle erforderlichen Infos und Dokumente beisamen zu haben. Und genau das wollte ich modernisieren. Das Gespräch mit meinem Chef lief positiv – er gab mir zuerst freie Hand, zu recherchieren und Preisvergleiche anzustellen. Am Ende bekam ich den Zuschlag für die volle Unterstützung einer IT-Lösung, die auf unsere Bedürfnisse zugeschnitzt und dann in alle anderen Ländern des Unternehmens ausgerollt wurde.
 
DIE LÖSUNG: auch hier kümmerte ich mich aktiv um spannende Aufgaben. Wenn es wo Bedarf zur Optimierung gab oder Projekte am Laufen waren, habe ich mich eingebracht. Und sogar ein so großes Projekt wie das des Baus und der Implementierung einer eigenen IT-Lösung an Land gezogen.
 
Das nächste Mal, dass mich Boreout traf, war im Zuge einer Umstrukturierung in einem sehr großen Unternehmen. Die Rolle des von mir aufgebauten Teams war plötzlich nicht mehr klar, es dauerte viele Monate, bis hier Entscheidungen getroffen wurden. Während die Teammitglieder noch damit beschäftigt waren, ihre bestehenden Aufträge abzuarbeiten (sie waren immer für ein ganzes Jahr im voraus ausgelastet), war völlig unklar, was ich zu tun hatte. Das Team hatte einen eigenen Teamleiter zugeteilt bekommen. Das bedeutete: ich hatte keine Führungsrolle oder Teamaufbaurolle mehr. Und als Fachexpertin konnte ich mich nicht einbringen, weil niemand wusste, wohin die Reise gehen wird. Also konnte ich keine Konzepte für unsere zukünftige Arbeit entwickeln. Ich hatte noch nie zuvor so wenig gearbeitet. Während die Kollegen um mich herum in Arbeit untergegangen sind, saß ich da und hatte nichts zu tun.
 
Ich habe mir, in der Hoffnung, dass es bald richtungsweisende Entscheidungen des Managements geben würde, zuerst unspannende Deppenarbeiten gesucht, für die eh nie jemand Zeit hat. Ordnerstrukturen aufräumen, Dokumente aktualisieren, Ablagen und dergleichen. Dann habe ich, nachdem es schon mehrere Wochen andauerte, pro-aktiv bei meinen Kolleginnen nachgefragt, wie ich sie unterstützen kann. Das waren halt alles Aufgaben, die nicht in meiner Genius-Zone lagen – zum Beispiel im Reporting, wo es um Zahlen und deren Aufbereitung ging. Aber ich war erstmal nicht wählerisch.
 
Bis ich merkte, wie sehr mir dieses nicht meinen Fähigkeiten und Kompetenzen entsprechende dahinwerkeln ohne echtem Ziel vor Augen zugesetzt hat. Dann sprach ich es in kurzen Abständen bei meiner Führungskraft an, um hier auf eine Entscheidung und Lösung hinzudrängen. Hätte ich dies nicht gemacht, hätten die noch Monate zugesehen, denn für sie gab es ja noch kein dringliches Problem. Irgendwie verstand auch nicht jeder, wieso es für mich ein Problem war, nichts zu tun zu haben. Tja, ich arbeite nun einmal gerne und sinnerfüllt.
 
DIE LÖSUNG: auch hier habe ich als Übergangslösung nach sinnvollen, wenn auch anspruchslosen, Aufgaben gesucht. Dann auf die Unterstützung und Entlastung meiner Kolleginnen gesetzt. Und als es anfing, mir richtig zuzusetzen, habe ich bei meinen Vorgesetzten Druck gemacht. Geendet hat das Ganze dann damit, dass ich zwar ein neues Aufgabenfeld bekam. Die Festlegung der Aufgabengebiete erfolgte ein wenig halbherzig. Die Verwantwortungsbereiche zwischen mir und den anderen Fachexperten im Team waren nicht klar abgesteckt. Es kam dauernd zu Konflikten und ich beschloss, mich im Unternehmen auf einen anderen Job zu bewerben. Mit Erfolg 🙂
 
Zuletzt musste ich mir eingestehen, dass mein aktueller Brötchenjob als Projektleiterin für mich nicht erfüllend ist. Ich hatte zuvor viele Jahre sehr gerne und engagiert in Projekten gearbeitet, auch schon einige Projekte geleitet. Und das hat mir immer viel Freude gemacht. Das waren jedoch immer Projekte, in denen ich neben der Projektleiterrolle auch einen fachlichen Part übernommen hatte. Sprich: ich verstand etwas von der Materie und konnte mich inhaltlich einbringen. Solche Projekte leitet man jedoch immer neben dem Daily Business und das ist hardcore anstrengend und führte mich auch ins Burnout. Ergo wollte ich nur noch Projekte leiten, ohne fachlichem Impact, sondern als professionelle Projektmanagerin.
 
Das ist mir jedoch zu langweilig. Ich empfinde es nicht als herausfordernd und spannend genug. Erkannte das jedoch lange nicht. Oder anders gesagt: ich suchte die Ursache für diese deutliche Unzufriedenheit und mein Unglücklichsein mit meinen Job an den falschen Stellen. Mittlerweile ist es klar für mich und ich habe Konsequenzen gezogen. Als Erstes kämpfte ich dafür, dass ich im Unternehmen meinen Platz im Projektmanager-Team bekam. Dort saßen die Besten und jene, die auch die wichtigsten und größten Projekte betreuten. Danach bewarb ich mich für das Projektmanagement-Trainerteam, welches den Projektmanagement-Nachwuchs im Unternehmen ausbildet. Beides mit Erfolg.
 
Das verbesserte zumindest die Rahmenbedingungen und ich konnte mich in spannende Initiativen einbringen und eigene Trainingskonzepte entwickeln. Dennoch machte das Projektmanagerdasein über 80% meines Jobs aus. Das war also noch nicht gut genug – die Unzufriedenheit und dieses Gefühl des Unerfülltseins blieb. Also suchte ich weiter.
 
Vor bald zwei Jahren habe ich die Idee der Stehaufweibchen Community geboren, in dem ich meine Berufung gefunden hatte. Seither entwickelt sich dieses Projekt weiter. So nebenbei als Hobby. Seit Jänner 2019 bin ich mit der Stehaufweibchen Community auch nebenberuflich unternehmerisch tätig. Ein sehr intensives, Zeit-, Energie- und Geldressourcen-fressendes Unterfangen. Neben einem Vollzeitjob nicht dauerhaft bewältigbar. Um nicht ins Bunrout zu rutschen habe ich also eigene Maßnahmen ergriffen. Doch wie sollte ich mit diesem Boreout in meinem Job umgehen, mit der Tatsache, dass mich meine Tätigkeit als Projektmanagerin nicht erfüllt?
 
Zuerst überlegte ich alleine für mich und im Austausch mit Kolleginnen und Freundinnen, welche Optionen ich habe. Da waren Ideen dabei von unternehmensinternen Jobwechseln, externen Jobwechseln bis hin zur sofortigen Kündigung und Inanspruchnahme des Unternehmergründerprogramms des Arbeitsmarktservice. Keine dieser Ideen war wirklich das Gelbe vom Ei, also suchte ich das offene Gespräch mit meinem direkten Vorgesetzten. Und das war die beste Entscheidug überhaupt, denn er konnte mir ein Jobangebot machen, dass ich unmöglich ablehnen konnte. In einem Teilzeitangestelltenverhältnis würde ich in wenigen Monaten nur mehr als Trainerin und Beraterin tätig sein. Und das für die Themen, die ich auch in der Stehaufweibchen Community bespiele. Die ideale Lösung.
 
DIE LÖSUNG: Optionen ausloten, alleine und zusammen mit Vertrauten (Freunden, Kolleginnen). Und ein offenes Gespräch mit meiner Führungskraft, welches die optimale Lösung für alle Beteiligte brachte. Das Unternehmen kann weiterhin von meinen Fähigkeiten, Kompetenzen und meinem unternehmensinternen Knowhow profitieren, und ich kann mich voll und ganz auf meine Themen fokussieren, ohne Ablenkung durch einen Brötchenjob, der mich nicht erfüllt.
 
Du siehst also, es gibt immer Möglichkeiten und Lösungen. Und man hat immer die Wahl. Auch wenn einem manchmal die sich anbietenden Optionen nicht gefallen. Nichtstun und den Kopf in den Sand stecken ist übrigens auch eine Wahl. Keine, die deine Situation verbessert oder dich weiterbringt. Wenn du also etwas an deiner Situation verbessern möchtest, nimm es selbst in die Hand. Meiner Erfahrung nach wird es nämlich niemand für dich tun.
 
In diesem Sinne: love it, change it or leave it. Mein bekanntes Lebensmotto, das im besonderen in einer Boreout Situation ein sehr guter Kompass ist.
 
Liebe Grüße
Susi, das Stehaufweibchen

Raus aus der Abwärtsspirale

3 Wochen - 3 Module

Begleiteter Onlinekurs inkl. Live Webinare, Videos, Audios, PDF-Anleitungen, wöchentlichen Q&A Session live auf Facebook oder via Webinar, Support und Austausch in einer eigenen Facebook Gruppe nur für die Kursteilnehmer

Ich zeige dir in diesem Onlinekurs, wie du die 3 Schlüssel für einen entspannteren Umgang mit jeder Krisensituation für dich sofort nutzen und somit den ersten wesentlichen Meilenstein zu einem selbstbestimmten Leben setzen kannst.

Die 3 Schlüssel sind:

  • AKZEPTANZ
  • DANKBARKEIT
  • PERSPEKTIVENWECHSEL

Du möchtest mehr erfahren?

Mehr dazu

Die Stehaufweibchen Community

Unsere Facebook Gruppe

In dieser Gruppe kannst du

  • offen über deine aktuellen Herausforderungen im Umgang mit Krisen und Burnout mit anderen Betroffenen und Angehörigen von Betroffenen sprechen
  • um Hilfe zu konkreten Fragestellungen bitten
  • direkt mit mir in den Austausch gehen

Das klickt interessant für dich?

Zur Gruppe